Fraget die Bäume,
wie sie erzogen
sein wollen,
sie werden Euch
besser darüber
belehren
als es
die Bücher tun.

W.L. Pfeil (1783-1858)


Exkursionsbericht

ANW-Jahresexkursion 2009

vom 19. bis 28. Juni 2009

in die rumänischen Natur- und Wirtschaftswälder



von Frank Henkel, Untermaßfeld (2. Juli 2009)



Die diesjährige Jahresexkursion der ANW führte uns vom 19. bis 28. Juni nach Rumänien. Vielen der 28 Reiseteilnehmer wird die Fahrt wohl in angenehmer Erinnerung bleiben, weil die Präsentation von Natur, Kultur und Geschichte mit wunderbaren Erlebnissen verbunden war. Möglich wurde dies in erster Linie durch die exzellente Reiseleitung der beiden Rumänienkenner Dietmar Groß und Johannes Hager. Durch ihre guten Kontakte öffneten sich für uns viele Türen und verschafften uns Einblicke in ein Land, dass sich gerade auf dem holprigen Weg in die EU befindet.
Den Einstieg fanden wir mit einem Besuch im Gebiet des Forstamtes Lugoj, westlich der Südkarpaten. Hier dominieren zu 60 % Eichenmischwälder. Besonders interessant ist das Nebeneinander von Ungarischer Tieflandeiche (Quercus frainetto) und Zerreiche (Quercus cerris). Erstere liefert bei Durchschnittstemperaturen von 10 bis 11 Grad und Niederschlägen um 650 mm⁄Jahr auch Qualitätsholz. Im Zuge des Klimawandels wäre sie für einige Standorte in Thüringen durchaus eine Überlegung wert. Nadelholz ist gerade einmal mit einem Prozent beteiligt. Dies ist keine Besonderheit und weist auf einen grundlegenden Unterschied im Vergleich zu den Wäldern Deutschlands hin. In Rumänien entspricht die Waldbedeckung weitestgehend der potenziell natürlichen Vegetation mit einem bedeutenden Anteil von Naturwäldern. Glaubwürdigen Schätzungen zufolge beherbergt das Land noch 220.000 Hektar Urwälder verschiedener Waldgesellschaften. Natürlich waren wir sehr gespannt, ein solches Juwel zu erleben.

Die südwestlichen Ausläufer des Karpatenbogens schließen das Semenicgebirge bei Resita ein. Hier hatten wir die Gelegenheit einen großen Rotbuchenurwald zu durchstreifen. Er wird in seiner Ausdehnung und Unberührtheit nur von einem Bestand in den ukrainischen Waldkarpaten übertroffen. Hier bekommt man auf mehr als 5000 Hektar tatsächlich noch einen Eindruck von Waldlandschaft, wie sie vor den großen Rodungswellen im Mittelalter auch in weiten Teilen Mitteleuropas vorherrschend war. Die bis zu 400 Jahre alten Buchen erreichen in Einzelfällen Höhen von 53 Metern, 1,80 Meter Brusthöhe und produzieren durchschnittlich 700 Kubikmeter je Hektar. In begünstigten Tallagen können auch mehr als 1000 Kubikmeter erreicht werden.
Etwa ein Fünftel des Holzvorrats ist Totholz in allen Erscheinungsformen. Angefangen vom frisch abgestorbenen Methusalem über den mit Zunderschwämmen übersäten langsam zerfallenden Reststamm, das am Boden von Moosen und Flechten bedeckte Moderholz bis hin zum fast vollständig zu Humus verarbeiteten Baum, dessen ehemalige Dimension sich an einem kleinen Geländehügel noch erahnen lässt. Der Kreislauf des Werdens und Vergehens wird für den Beobachter erlebbar, weil alle Phasen der Waldentwicklung auf kleiner Fläche über - und nebeneinander gestaffelt sind. Die gängige Lehre, wonach sich die Entwicklungsstadien mitteleuropäischer Laubwälder räumlich und zeitlich gegeneinander abgrenzen (Mosaik-Zyklus-Theorie), findet hier keine Bestätigung.
Auffällig ist, dass nahezu in jedem mit einem Blick erfassbaren Waldausschnitt vom Sämling bis zum Baumveteran die Bäume aller Größenklassen miteinander verzahnt sind. Damit kommt diese Struktur dem Plenterwald am nächsten. Das oft bemühte Bild vom dunklen, artenarmen Buchenhallenwald ist wohl doch nur in seltenen Fällen ein Produkt der Natur. Vom Artenreichtum in dieser fast unerforschten Region ist noch wenig bekannt. Es wäre ein lohnendes Projekt internationaler Zusammenarbeit, Licht in das Dunkel zu bringen.
Abgesehen von diesen vielfältigen Eindrücken ist es jedoch schon allein ein Erlebnis, sieben Stunden lang 25 Kilometer durch einen Wald zu gehen, ohne einen einzigen Weg überqueren zu müssen. Die treffende Bemerkung von Dietmar Groß dazu lautete: "Der Weg ist der Tod des Urwaldes".
Überwältigend war dann der Empfang unserer Gruppe durch die Mitarbeiter des zuständigen Forstamtes. Von nun an begleitete uns eine traditionelle Blaskapelle für den Rest des Tages, wobei die Verpflegung in mehreren Gängen für die meisten kaum zu bewältigen war.


Weiter ging es in den jungen Domogled - Nationalpark im Tal der Cerna. Hier beeindruckte die submediterrane Vegetation in den Kalkfelsen mit vielen endemischen Arten. Dazu gehört auch die Schwarzkiefer (Pinus nigra ssp. Banatika), eine an extreme Standortverhältnisse bestens angepasste Baumart.

Etwas weiter nördlich erwartete uns in den Bergen um Rusca Montana (Rußberg) ein weiteres Urwalderlebnis. Unter Führung von Walter Frank, dem ehemaligen Forstamtsleiter mit über 30 Dienstjahren, gingen wir eine Route durch Bergmischwälder mit 60% Buche und 30% Weißtanne. Die restlichen 10% gehören Spitz- und Bergahorn, Bergulme, Esche, Aspe und Fichte. Was für ein Gegensatz zu vergleichbaren Mittelgebirgen in Deutschland. Neben der natürlichen Baumartenpalette fällt eines dem aufmerksamen Beobachter sofort auf. Es ist der nahezu fehlende Wildverbiss an den jungen Waldbäumen. Tatsächlich ist der Begriff Wildverbiss als ökologisches Problem in Rumänien unbekannt. Dieses betrifft nicht nur die Urwälder, sondern fast den gesamten Wald auf einer Fläche von 6,25 Mio Hektar.
Diese Unterschiede manifestieren sich im Besonderen am Schicksal der Tanne. Während sie in Deutschland eher ein Fall für die Roten Listen ist, kann man sich in Rumänien vielerorts an vitalen Weißtannen sämtlicher Größenklassen erfreuen. Während der Braunbär eher selten Fleisch frisst, sind es die gesunden Bestände von Luchs und Wolf, welche die Rehe und Hirsche wirkungsvoll regulieren. Der deutsche Wildbiologe Christoph Promberger kam bei einer Untersuchung der Rehdichte in den Südkarpaten auf einen Wert von 4 Stück pro 100 Hektar. Dabei dürfte der natürliche Feinddruck nicht die einzige Ursache für die meist niedrigen Schalenwildbestände sein. Sicherlich ist es auch eine andere Jagdkultur, die nicht wie in Deutschland geprägt ist von den Auswirkungen der bereits im Reichsjagdgesetz verankerten Hegepflicht, Trophäenkult und Rundumfütterung.
Wenn wir in Deutschland wirklich jemals zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Wald und Wild kommen wollen, um damit großflächig die Voraussetzungen für die Entwicklung naturnaher Wälder zu schaffen, dann sei jedem, der an diesem Ziel mitwirken will, eine Motivationsreise durch die rumänischen Bergwälder angeraten.
Auch nach dieser beeindruckenden Urwaldtour ließen es sich die Gastgeber nicht nehmen, uns im Überfluss zu bewirten. Von der rumänischen Gastfreundschaft können wir uns sicherlich eine Scheibe abschneiden.



Die großartigen Bilder, die wir in den Wäldern bestaunen konnten, dürfen aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es in Rumänien auch nach seinem EU - Beitritt noch massive Probleme bei der Umsetzung rechtsstaatlicher Gepflogenheiten gibt. Die Forstverwaltung ist zwar personell gut ausgestattet, die bezahlten Löhne aber derart niedrig, dass der Lebensunterhalt allein davon nicht bestritten werden kann. Alle Personalkosten müssen zudem weitestgehend durch Holzeinschlag finanziert werden. Illegale Machenschaften, Schattenwirtschaft und Korruption sind allgegenwärtig. Dadurch, dass auch alle Schutzgebiete und Nationalparks der Forstverwaltung unterstehen, hat diese eine große Verantwortung für die dauerhafte Sicherung ihres großartigen Naturerbes. Vielleicht ist die Mitgliedschaft Rumäniens in der Europäischen Union ein guter Rahmen, um dieser Verantwortung in Zukunft noch besser gerecht zu werden. Auf jeden Fall sind zur langfristigen Erhaltung der Schutzgebiete finanzielle Transferleistungen aus Westeuropa unerlässlich. Ansonsten besteht, so paradox es klingt, die Gefahr illegaler Einschläge zur Finanzierung der Naturschutzaufgaben.

Nach einer konzentrierten Dosis Wald hatten wir die Gelegenheit, in den darauffolgenden Tagen Siebenbürgens etwas näher kennenzulernen. In dessen kulturellem Zentrum Sibiu (Hermanstadt) bekamen wir einen Eindruck über deren lange deutsche Geschichte, angefangen von der ersten Besiedlung im 12. Jahrhundert bis zum beinahe vollständigen Verschwinden der deutschen Gemeinde in den Jahren nach 1990.
Eine besondere Attraktion Siebenbürgens sind seine zahlreichen gut erhaltenen Kirchenburgen, an denen im 15. Jahrhundert so manches Türkenbataillon scheiterte.
Letztes Ziel unserer Reise war das kleine Dorf Viscri (Deutsch - Weißkirch). Ihm wurde jüngst von der UNESCO der Status "Weltkulturerbe" verliehen. Das erstaunlich gut erhaltene Ensemble von Vierseitenhöfen fränkischen Stils verbunden mit einer immer noch betriebenen traditionellen Subsistenzlandwirtschaft verleiht dem Ort die Aura von scheinbar stehengebliebener Zeit.
Die vorwiegend durch Weidewirtschaft betriebene Landnutzung im Umfeld des Ortes formt eine Kulturlandschaft, wie sie sich jeder Naturfreund Deutschlands gerne im Traum vorstellt.
Dazu zählen die überall fließenden Übergänge vom Wald ins Offenland, der fehlende Einsatz von Pestiziden und Kunstdünger, der standörtlich bedingte kleinflächige Übergang unterschiedlicher Pflanzengesellschaften und der hohe Strukturreichtum des Offenlandes. Die Folge ist eine paradiesische Artenvielfalt. Auf einer nur einstündigen Wanderung unserer Gruppe beobachteten wir ganz nebenbei Baumfalke, Schreiadler, Schwarzstirnwürger, Wiedehopf, Bienenfresser und Heidelerche, um nur die Arten zu nennen, die sich in Deutschland ganz oben in den Roten Listen wiederfinden.
Schließlich stürzte sich die Försterschar auf einen an einer Huteeiche entdeckten Hirschkäfer, der bestimmt heute noch vom Blitzlichtgewitter geblendet ist.

Zu viel blenden lassen sollte man sich trotz der tollen Eindrücke dennoch nicht. Denn die Hauptursache für den momentan noch beneidenswerten Erhaltungszustand der Natur ist zweifellos die Armut der Menschen. Was in Deutschland für viel Geld oft krampfhaft versucht wird zu konservieren, ist auf großer Fläche Rumäniens noch das Nebenprodukt einer bäuerlichen Landwirtschaft, an der der globalisierte Welthandel und die EU - Agrarpolitik weitgehend vorbeilaufen. Allerdings ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch hier gravierende Änderungen eintreten werden. So sind es vorwiegend noch die Alten, die das dörfliche Leben aufrecht halten. Die meisten jungen Leute gehen in die Städte oder ins Ausland. Die deutsche Gemeinschaft Siebenbürgens ist auf weniger als 10% ihrer Nachkriegsgröße zusammengeschrumpft.

Unseren rumänischen Freunden bleibt zu hoffen, dass sich noch mehr Menschen für ihr Land interessieren. Was sie uns an Gastfreundlichkeit boten, verdient gewürdigt zu werden, aber nicht nur mit Worten. Viele Naturschätze Rumäniens sind von globalem Wert, allen voran die spektakulären Urwälder. Sie der Nachwelt zu erhalten ist zweifellos eine gesamteuropäische Aufgabe.

Fotos: M. Großmann, I. Profft



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